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Kastell Künzing

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Kastell Künzing
Antiker Name Quintanis, Quintana
Limes NN (RLK)
Strecke (RLK) Rätischer Limes
Datierung (Belegung) um 90 n. Chr.
bis 5. Jahrhundert
Typ Kohorten- und Reiterkastell
Einheit a) Cohors III Thracum equitata civium Romanorum
b) Legio III Italica
c) Cohors IIII Tungrorum milliaria equitata
d) Cohors V Bracaraugustanorum,
e) Alae primae Flaviae Raetorum
Größe max. 132,5 × 165,5 m = 2,25 ha
Bauweise a) Holz-Erde
b) Steinbauweise
Ort Künzing
Geographische Lage: kein name-Parameter in Fließtextkoordinate48° 40′ 11″ N, 13° 4′ 49″ O7
Region-ISO DE-BY
Höhe 360 m ü. NHN

Das Kastell Künzing, (lat. Quintanis, Quintana) war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am rätischen Donaulimes zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die Überreste der Fortifikation liegen heute auf dem Gemeindegebiet von Künzing im niederbayerischen Landkreis Deggendorf. Bekannt wurde der Kastellplatz vor allem durch seine Erwähnung in der Vita des Severin von Noricum und einen großen Metallhortfund, der eine gute Vorstellung von Bewaffnung und Ausrüstung der mittelkaiserzeitlichen Hilfstruppen (Auxilia) am rätischen Limes vermittelt.

Lage

Die mittelkaiserzeitliche Grenzbefestigung wurde in sicherer Entfernung zur damals wesentlich näher gelegenen Donau errichtet. Diese griff vor ihrer Regulierung mit weiten Schleifen und Altarmen in das Umland ein. Quintana lag mit einer Vielzahl von anderen Kastellen an einer wichtigen Heer- und Handelsstraße, die dem Flusslauf bis in den Balkan folgte. Südwestlich und südlich des Kastells erstreckt sich das Molassebecken des durch den eiszeitlichen Gletscherschub gebildeten Alpenvorlands, das durch hügelige Landschaften und teils tief einschneidende Gewässer geprägt wird. Vom Kastell aus konnten die Besatzung am anderen Ufer die Höhenzüge des im Barbaricum liegenden Bayerischen Waldes beobachten. Der sich entlang der Donau erstreckende Dungau, in dem sich das Kastell befand, ist durch seine ertragreichen Lössböden bekannt. Der Geschichtsschreiber Johannes Aventinus (1477–1534) erwähnt bei Künzing auch eine Salzquelle.

Forschungsgeschichte

Die älteste Kunde über römische Funde aus Künzing stammt von Philipp Apian (1531–1589): „römische Münzen, goldene, silberne, auch sehr viele eherne Gegenstände bezeugen, dass an dieser Stelle Quintiana, eine Niederlassung der Römer bestanden hat.“ Die Übereinstimmung von Künzing mit dem antiken Quintiana hatte bereits Johannes Aventinus erkannt. Später dokumentierte der Arzt und Philologe Thomas Reinesius (1587–1667) eine – später verloren gegangene – Grabinschrift für den 50-jährigen Caesius Jarsa, die dessen Frau Julia Successa in Auftrag gegeben hatte.[1] 1788 war Lorenz von Westenrieder (1748–1829) vor Ort. Er konnte aus eigener Anschauung jedoch nicht die geringsten Anzeichen einer römischen Anwesenheit in Künzing bestätigen, obwohl ihm der Pfarrer berichtete, dass nach Aussage einiger Bauern unter der Erde „viele Steine von alten Zeiten her“ lägen.[2]

Der letzte Prior von Kloster Niederaltaich vor der Säkularisation, Emmeram Spielhofer (1746–1810), der sich gleichfalls mit römischen Altertümern beschäftigte, erwähnt gegenüber dem geschichtskundigen Juristen Joseph Anton von Mussinan (1766–1837) zwei „kupferne Handhaben“ aus der Gegend von Osterhofen, rund sechs Kilometer nordwestlich von Künzing entfernt.[3] Der Prior berichtete zudem, dass die in der Gegend von Hirten und Bauern gefundenen antiken Münzen und Ringe mit Edelsteinen sogleich in die Hände von Goldschmieden und Gürtlern gelangt waren. Das wertvolle Metall wurde damals in der Regel eingeschmolzen und die Steine neu verarbeitet. Spielhofer berichtet weiter von einem römischen Grabstein aus Künzen, den er selber fand. Er konnte noch die bruchstückhaft erhaltene Inschrift „Miles leg. dec: II.“ notieren: „Gerne hätte ich diesen Stein mit ins Kloster genommen, allein feindselige Hände raubten mir den aufgefundenen Stein.“ Dieser vor allem durch die örtliche Bevölkerung verursachte Fundverlust, mit dem sie sich teilweise zusätzliche Verdienstquellen erschloss, kann vielleicht erklären, warum neben der von Westenrieder auch die Nachforschungen der Professoren Andreas Buchner (1776–1854) und Kaspar Pütter in den Jahren 1819 und 1820 keinerlei Hinweise auf die römische Vergangenheit von Künzing erbrachten.[4] Merkwürdigerweise blieb auch die von den Kastellgräben vor der Ostfront des Lagers gebildete, gut erkennbare Mulde unerkannt. Sie verschwand erst nach dem Kanalbau 1984.[5] Der Generalkreiskommissar und Regierungspräsident Adam Joseph Freiherr von Mulzer, der 1829–1831 hier graben ließ, fand zunächst nur einige Münzen, bevor er 1830 auf eine „mächtige Grundfeste von Gebäuden“ mit hypokaustierten Räumen stieß, die im April 1831 freigelegt wurden. Er vermutete, dass der für die damalige Zeit relativ gut dokumentierte Bau aufgrund seiner vielen Aschespuren gewaltsam zerstört worden war. Wegen des zu hohen Kostendrucks mussten die Untersuchungen jedoch bald wieder eingestellt werden.[6] Der Gebäudefund wird später in den Publikationen mehrfach als „Sage von einem Römerbade“, erwähnt,[7] da u. a. auch Nachforschungen im Sommer 1883 keine greifbaren Ergebnisse zu diesem Bad mehr brachten.[4] Erst 1976 wurde die Therme erneut angeschnitten und 1978 teilweise ausgegraben.

Es blieb dem Künzinger Kooperator Johann Michael Schmid überlassen, das Kastell selbst am 3. Juli 1874 zu entdecken.[8] 1898 folgten dort die ersten umfassenden Ausgrabungen durch den Münchener Gymnasiallehrer Franz Pichlmayr.

1914 bis 1928 wurden westlich des mittelkaiserzeitlichen Kastells spätantike Gräber aufgedeckt.[9] Zu diesem Kastell selbst lieferten besonders die umfassenden Untersuchungen der Römisch-Germanischen Kommission wertvolle Hinweise. Die in mehreren Kampagnen von 1962 bis 1964 durchgeführten Ausgrabungsarbeiten unter Hans Schönberger (1916–2005) erbrachten für das mittelkaiserzeitliche Lager den Nachweis von insgesamt vier Bauperioden. 1978/1979 wurde am mutmaßlichen spätantiken Standort des Kastells geforscht.[10] In den folgenden Jahrzehnten konzentrierte sich die Forschung in teilweise großflächigen Grabungskampagnen besonders auf den Bereich des Lagerdorfes. 2003 fanden Mitarbeiter der Kreisarchäologie Deggendorf dort die Spuren eines aus Holz erbauten römischen Amphitheaters, das bis 2004 teilweise freigelegt wurde. 2009 konnten im östlichen Sektor weitere Gräber aufgedeckt werden.

Name

Der unter anderem im Itinerarium Antonini, einem Reisehandbuch des 2. Jahrhunderts n. Chr., überlieferte Kastellnamen Quintana leitet sich, nach der heute in der archäologischen Forschung vorherrschenden Meinung, von einer hier im 2. Jahrhundert stationierten lusitanischen Kohorte her (siehe weiter unten). Wahrscheinlich liegt ihm die Wendung „ad quintanos“ – d. h. „beim Lager der Fünften“ – zugrunde. Auch in der Notitia Dignitatum wird der Standort Künzing in der Spätantike als Quintanis geführt;[11] diese Namensform geht auf einen Ortsablativ („in Quintana“) zurück. Der römische Ortsname wurde später über die mittelalterliche Form Quinzen über Künzen zum heutigen Künzing, wobei die altertümlich wirkende Endung –ing erst eine Hinzufügung des 19. Jahrhunderts ist.[12]

Kastell

Beim Künzinger Kastell handelte es sich um eine klassische rechteckige Anlage mit abgerundeten Ecken (Spielkartenform), wie sie für diese Zeitperiode typisch war. Seine Überreste befinden sich im Süden des Ortsgebietes. Das Kastellareal erstreckte sich an beiden Seiten der Bundesstraße in einem gleichmäßigen Rechteck von 132,5 × 165,5 m und grenzt im Norden an die Pfarrkirche Sankt Laurentius und im Südosten an das Schulgebäude. Es bot mit einer Fläche von knapp 2,25 Hektar Platz für eine Besatzung von rund 500 Mann. Das Innere des Kastells wurde standardmäßig durch ein rechtwinkliges, auf die vier Tore ausgerichtetes Kreuz der beiden Lagerhauptstraßen aufgeteilt. Das Haupttor war feindwärts angelegt, von ihm aus führte die Via principalis zu dem in der Lagermitte gelegenen Stabsgebäude (Principia), um diese gruppierten sich auch die übrigen Gebäude.

Holz-Erde-Lager

War das Kastell in seiner ersten Bauperiode von etwa 90–120 n. Chr. nur durch einen innen an eine einfache Palisadenwand angeschütteten Erdwall mit vorgelagertem Spitzgraben geschützt, so erfolgte in der zweiten Bauphase eine umfangreiche Verstärkung und Veränderung der Umwehrung. Die in etwa von 120 bis 135 n. Chr. anzusetzende zweite Bauphase wies eine Holz-Erde-Mauer mit senkrechter Vorder- und Rückfront (Kastenbauweise) von 4,80 m Breite auf, vor der zwei Wehrgräben ausgehoben wurden.[13] Für diese beiden Bauperioden konnten auch die Innenbauten mit einiger Sicherheit ihrer Funktion zugewiesen werden. Im nördlichen Abschnitt des Lagerareals (Praetentura) befanden sich lang gestreckte Gebäude die als Kasernen mit jeweils zehn Wohneinheiten (Contuberniae) für sechs bis acht Mann identifiziert wurden. Im rückwärtigen, südlichen Kastellbereich (Retentura) lag am Schnittpunkt der mit nur geringer Abweichung Nord-Süd und West-Ost orientierten beiden Hauptstraßenachsen das Stabs- und Verwaltungsgebäude (Principia) des Kastells, westlich daneben das Wohnhaus des Kommandanten (Praetorium). Östlich der Principia wurden ein Speichergebäude (Horreum) und das Lagerlazarett (Valetudinarium) aufgedeckt. Diese Gebäude grenzten im Süden an zwei größere Doppelbaracken an, die als Pferdeställe (Stabulum) und Mannschaftsunterkünfte gedeutet werden.

In Künzing konnte auch eine Gemeinschaftslatrine nachgewiesen werden. Sie bestand aus einer länglichen Grube, einem einfachen Holzbau mit Sitzgelegenheiten und Überdachung (Pfostenlöcher). Nachdem die Grube verfüllt war, musste eine neue ausgehoben und die alte zugeschüttet werden. Diese Art von Latrinen standen vorzugsweise dicht hinter den Umwehrungen an der Wallstraße (Via sagularis). Ihr Nachweis gelang beispielsweise auch anhand der vertorften Grubenfüllung. Der Abtritt in Künzing war 1,4 Meter tief, 14 Meter lang und zwei Meter breit. Das Ausmaß des Grubeninhaltes zeigt, dass er viele Jahre lang in Betrieb gewesen sein musste.

Steinkastell

In der dritten Bauphase, etwa um 150/160 n. Chr., wurde das Kastell vermutlich durch die 5. Kohorte aus Bracara Augusta vollkommenen neu in Stein erbaut, während die Innenbauten wiederum nur in Holz ausgeführt wurden. Eine steinerne Ringmauer ersetzte den bisherigen Holz-Erde-Wall, bis zu fünf Gräben bildeten die Annäherungshindernisse, deren äußerster rund 42 m vor der Mauer lag. Von der einstigen Steinmauer hatten sich nur mehr einige Bruchsteine und die Kiesschüttungen der Fundamente erhalten, nur an einer einzigen Stelle konnte noch eine Steinlage des aufgehenden Mauerwerks dokumentiert werden; die anderen Steine der Kastellmauer dürften nach der endgültigen Aufgabe der Festung als wertvolles Baumaterial für andere Gebäude wiederverwendet worden sein. In den Jahren um 200 n. Chr. scheint das Kastell erstmals gewaltsam zerstört worden zu sein.

Beim nachfolgenden Wiederaufbau, der vierten Bauperiode des Künzinger Kastells, wurde es nur noch mit einem Graben umgeben. Wie auch bei seinem Vorgänger ist von der Innenbebauung der letzten Bauphase des Kastells wenig bekannt. Nachweislich der rückwärtige Teil der Principia wurde teilweise in Stein neu errichtet. Dieser Ausbau betraf sowohl das unterkellerte Fahnenheiligtum mit seiner halbrunden Apsis, als auch zwei Räume an den beiden Außenflanken, die ein Hypokaustum bzw. eine Kanalheizung erhielten. Die gleichfalls neu errichtete Vorhalle bestand weiterhin in Holzbauweise und stand mit ihren Schmalseiten offenbar genau in einer Flucht mit den dahinterliegenden Dienst- und Verwaltungsräumen.

Während der Perserkriege in den Jahren um 242/244 n. Chr. erfolgte – nach 233 – ein zweiter großangelegter Alamanneneinfall gegen den rätischen und obergermanischen Limes, der an vielen Orten des Limes zu seinem Zusammenbruch führten und auch für Künzing verheerende Folgen gehabt haben muss.[14] Der Archäologe und Numismatiker Hans-Jörg Kellner ermittelte diesen Einfall anhand von vielen Münzfunden. So fand sich im Kastell Gunzenhausen als zeitlich jüngste Münze ein Antoninian aus dem Jahr 242,[15] und im Kastell Kösching konnte die Schlussmünze auf den Sommer 241 festgelegt werden.[16] 242/243 wurde auch das Regensburger Kastell Großprüfening[17] sowie die ausgedehnte römische Siedlung bei Pöcking, Landkreis Passau, und andere Plätze überrannt.[18] In Pöcking barg die abschließende Brandschicht einen nur kurze Zeit im Umlauf gewesenen Antoninian von 241/243 bzw. 240. In Künzing selbst fand sich – ein fast stempelfrisches – As aus den Jahren 243/244 in der Nähe des weiter unten erwähnten Waffen- und Metallhortes. Für die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Alamannensturm steht die Bauinschrift aus dem kleinen Bad des Kastells Jagsthausen, die in den Jahren zwischen 244 bis 247 entstand.[19]

Spätestens mit dem darauffolgenden mutmaßlichen Alamannenangriff im Zuge des Limesfalls um 259/260 wurde das Kastell endgültig niedergebrannt. Anschließend wurde der bisherige Standort endgültig aufgegeben.[20]

Aus den Principia stammt ein bedeutender Waffenhort, insbesondere Dolche (Pugiones), Bruchstücke von Bronzestatuen und Pferdegeschirr, die zu den bedeutendsten Funden dieser Art am rätischen Limes zählen (siehe unten).[21]

Spätantike

Das durch die Notitia Dignitatum und die Vita Severini bezeugte spätrömische Kastell war Teil des DIRL/Raetia II und wurde, so hat es den Anschein, nordwestlich seiner Vorgängeranlage und damit wesentlich näher am Donauufer errichtet, gleichzeitig entstand dort auch ein neues Gräberfeld für dessen Bewohner. Die im Umkreis des Kastells lebende Bevölkerung hatte ihre durch marodierende Barbarenstämme ständig bedrohten Siedlungen wohl schon längst verlassen und sich hinter dessen Mauern geflüchtet, das sich nun in ein befestigtes Oppidum wandelte und damit auch seine einstige, rein militärische Funktion weitgehend verlor. Dieses Szenario konnte auch an zahlreichen anderen Orten des Donaulimes ebenfalls nachgewiesen werden. Seit 1976 konnte weiters festgestellt werden, dass sich die spätantiken und frühmittelalterlichen Funde an der Niederung zur Donau, in einer Zone ca. 200 m nordwestlich des Nordtores des Steinkastell I, zunehmend häuften. Die archäologischen Grabungen von 1978/1979 brachten ebenfalls eine so große Vielzahl an Kleinfunden des 4. bis 5. Jahrhunderts mit sich, sodass diese Standortbestimmung als ziemlich sicher angesehen werden kann.

Auch die aus der Porta praetoria führende Straße des mittelkaiserzeitlichen Kastells bog nach Verlassen des Tores südwestlich ab und führte offenbar zu einem Hafen, in dessen Nähe auch das späte Kastell gelegen haben muss.[20] Im 6. oder 7. Jahrhundert entstand nordwestlich von Künzing das Dorf Arbing, es war durch eine geradlinige Verbindung über Langburg direkt mit Künzing verbunden. Dieser Weg wurde nach dem Frühmittelalter plötzlich durch die o. a. Donauschlinge unterbrochen. Verlängert man die Linie bis nach Künzing, endet sie genau am mutmaßlichen Standort des spätantiken Kastells.

Westlich der in Frage kommenden Zone mündete der Ohe- oder Angerbach in einen damaligen Altarm des Stromes, auch die spätantiken Kleinfunde endeten abrupt an seinem einstigen Ufersaum. Durch diesen Befund werden auch die Angaben des Eugippius in der Vita bestätigt; Quintanis wird hier als auf einer Ebene, direkt am Donauufer liegend beschrieben. Es wurde jedoch dadurch häufig von Überschwemmungen heimgesucht, da sich der Fluss Buscina bei Donauhochwasser weit zurückstaute. Damit kann nur der Ohebach gemeint sein, da er das einzige Gewässer in der Nähe ist und hier in das damalige Donaubett mündete. Diese häufigen Flutkatastrophen bargen schon den Keim für den Untergang des spätrömischen Kastells in sich, wahrscheinlich wurde es vom Altarm oder einer südlich ausgreifenden Donauschlinge bis zum Mittelalter vollständig abgetragen.[22]

Truppe

Hinweise darauf, welche Abteilungen des in Rätien stehenden römischen Heeres im Künzinger Kastell stationiert waren, liefern vor allem die hier gefundenen Fragmente von Militärdiplomen und Ziegelstempeln. 1983 wurde im östlichen Vicus-Bereich das Fragment eines Militärdiploms[23] entdeckt, das wie das unten genannte, 1996 entdeckte, aus der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius stammte und am 7. September 144 ausgestellt worden war.[24] Wie in dem wesentlich besser erhaltenen Diplom von 160 erhielt dort eine nicht mehr identifizierbare Person vom Volk der keltischen Runicaten, das im rätisch-vindelikischen Raum lebte, am Ende der 25-jährigen Dienstzeit das römische Bürgerrecht. Auch Ziegelstempel mit dem Kürzel der 3. italischen Legion wurden in Künzing gefunden, sie war allerdings nicht hier, sondern im Legionslager von Regensburg stationiert. Die Stempel belegen jedoch, daß Künzing sein Baumaterial, wie die anderen osträtischen Kastelle auch, aus den großen Legionsziegeleien in Bad Abbach bei Regensburg bezog.

Als erste in Künzing stationierte Truppe kann die Cohors III Thracum equitata civium Romanorum (= 3. teilberittene Thraker-Kohorte römischer Bürger) angesprochen werden, eine aus dem heutigen Bulgarien kommende Einheit, deren Kürzel COH III THR CR auf mehreren Ziegelstempeln erhalten ist. Eine solche Truppe (Cohors quingenaria equitata) bestand in ihrer Sollstärke aus 360 Infanteristen (sechs Centurien - Centuriae - mit je 60 Mann) und 120 Reitern (vier Turmen - Turmae - mit je 30 Mann).

Als die in der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. neu einziehende Truppe wird die cohors V Bracaraugustanorum, eine von Spanien nach Rätien versetzte Einheit vermutet, wie sie die in den Fragmenten des Militärdiploms vom 18. Dezember 160 (s.u.) erhaltene Buchstabenfolge ACARAUG, die als cohors Bracaraugustanorum gelesen werden muß, mit einiger Sicherheit belegt. Zwar fehlt die numerische Bezeichnung V (quinta = fünf); die Anwesenheit dieser Einheit in Rätien ist jedoch durch andere Belege gesichert.

Laut der Notitia Dignitatum war in der Spätantike ein Praefectus alae primae Flaviae Raetorum (1. Schwadron der flavischen Raeter), in Quintanis stationiert. Diese noch in der mittleren Kaiserzeit aufgestellte Reitertruppe zählte zu den Limitanei und unterstand dem Oberbefehl des Dux Raetiae.

Amphitheater

2003 wurden durch die Kreisarchäologie Deggendorf Spuren eines aus Holz erbauten römischen Amphitheaters entdeckt.[25] Das Amphitheater im militärischen Bereich läßt sich unter dem Aspekt der Truppenbetreuung erklären.[26] Der Befund der archäologischen Ausgrabungen des Amphitheaters 2003/2004 ergab, daß die Arena ein Maß von 35 x 30 Metern, insgesamt 46 x 40 Metern hatte. Für die Amphitheater nördlich der Alpen wurde die Erde ausgehoben, der Boden als Wall für die Zuschauertribüne aufgeschüttet. Von den aus Holz errichteten Tribünen fanden die Archäologen Spuren von drei im Oval um die Arena angelegten Reihen mit jeweils 30 Pfosten.[27]

spätantike Siedlungskontinuität

Für diese Zeit ist vor allem seine Erwähnung in der Lebensbeschreibung des Severin von Noricum interessant, da diese Passage einen Einblick in die Lebensumstände der frühen Christen in Quintanis gewährt. Das diese auch in den Wirren der Völkerwanderung im 5. und 6. Jahrhundert wohl nicht gänzlich zugrunde ging, läßt die Namenskontinuität Quintanis-Quinzen-Künzing vermuten. Als Severin um 455 in Passau eintraf, luden ihn die Christen von Quintanis ein sie ebenfalls zu besuchen. Die Vita Sancti Severini berichtet weiters, daß der Presbyter Silvanus der dortigen Gemeinde vorstand. Erwähnt wird auch ein Diakon namens Maternus und eine kleine Holzkirche die außerhalb des Kastells an einem Bach lag und deswegen oft überflutet wurde. Durch die ständige Bedrohung der Alamannen sah sich Severin veranlaßt, 476 die romanische Bevölkerung von Quintanis, Batavis (Passau-Niedernburg), Boiotro (Passau-Innstadt) und Ioviaco (Schlögen) zunächst vorläufig nach Lauriacum in Sicherheit zu bringen um diese dann später nach dem Kastell Favianis umzusiedeln von wo aus ein Großteil der Romanen 488 n. Chr. schließlich nach Italien abgesiedelt wurden.

Museum Quintana

Künzing gehört zu den archäologisch ergiebigsten Orten im Landkreis Deggendorf. Das Museum Quintana zeigt bedeutende Funde zur Ur- und Frühgeschichte der Region sowie Druckgrafiken zum Heiligen Severin von Noricum.

Denkmalschutz

Das Kastell Künzing ist als Bestandteil des Obergermanisch-Rätischen Limes seit 2005 Teil des UNESCO-Welterbes. Es ist damit auch ein eingetragenes Bodendenkmal im Sinne des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes (BayDSchG). Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind erlaubnispflichtig, Zufallsfunde sind den Denkmalbehörden anzuzeigen.

Siehe auch

Literatur

  • Dieter Planck, Andreas Thiel: Das Limes-Lexikon, Roms Grenzen von A bis Z. C.H. Beck, München 2009. ISBN 978 3 406 568169. S. 73,
  • Hans Schönberger: Kastell Künzing-Quintana‎. Die Grabungen von 1958 bis 1966. Mann Verlag, Berlin 1975, ISBN 3786122253
  • Thomas Fischer: Das römische Kastellbad von Künzing. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter. Bd. 50 (1985) S. 247–286.
  • Thomas Fischer: Ein neues mittelkaiserzeitliches Brandgräberfeld aus Künzing. In: Archäologische Denkmalpflege in Niederbayern. (1985) S. 174–178.
  • Robert Ganslmeier, Karl Schmotz: Das mittelkaiserzeitliche Kastell Künzing. In: Archäologische Denkmäler im Landkreis Deggendorf. Deggendorf 1993.
  • Anna Sybille Hannibal-Deraniyagala: Das Bajuwarische Gräberfeld von Künzing-Bruck, Lkr. Deggendorf. In: Bonner Beiträge zur Vor- und frühgeschichtlichen Archäologie. Nr. 8 (2007)
  • Fritz-Rudolf Herrmann: Die Ausgrabungen im Kastell Künzing-Quintana. Stuttgart 1972
  • Sabine Rieckhoff-Pauli: Römische Siedlungs- und Grabfunde aus Künzing, Ldkr. Deggendorf. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter. Bd. 44 (1979) S. 79–122.
  • Karl Schmotz: Das hölzerne Amphitheater von Künzing, Lkr. Deggendorf. Kenntnisstand und erste Rekonstruktionsansätze nach Abschluß der Geländearbeiten im Jahr 2004. In: Vorträge des 24. Niederbayerischen Archäologentages. Rhaden/Westfalen 2006. S. 95–118.
  • Karl Schmotz: Der Mithrastempel von Künzing, Lkr. Deggendorf. In: Vorträge des 18. Niederbayerischen Archäologentages. Rhaden/Westfalen 2000. S. 111–143.
  • Sebastian C. Sommer: Die Römer in Künzing – Wege zu einer virtuellen Rekonstruktion des Kastellvicus. In: Bericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege. Nr. 49, 2008, S. 107ff.

Einzelnachweise

  1. Gelehrte Anzeigen. Herausgegeben von Mitgliedern der königl. bayr. Akademie der Wissenschaften. Bd. 25. (Jul.–Dez.). k. Central-Schulbuchdruckerey, München 1847, S. 726.
  2. Karl Schmotz: Die Erforschung der Frühgeschichte Künzings von den Anfängen bis zum Ende des 19.Jahrhunderts. In: Deggendorfer Geschichtsblätter. Heft 7, 1986, S. 160.
  3. Mittheilungen über Niederbayern zur Römerzeit. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern. Bd. 9. Josef Thomann’sche Buchhandlung, Landshut 1863. S. 357.
  4. 4,0 4,1 Abhandlungen der philosophisch-philologischen Classe der königl. bayr. Akademie der Wissenschaften. Bd. 17. München 1884. S. 237.
  5. Karl Schmotz: Die Erforschung der Frühgeschichte Künzings von den Anfängen bis zum Ende des 19.Jahrhunderts. In: Deggendorfer Geschichtsblätter. Heft 7, 1986. S. 161.
  6. Über die castra quintana; aus dem Tagebuche des k. Generalcommisärs und Regierungs-Präsidenten Frhrn. v. Mulzer ect. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern. Bd. 2 u. 3. Josef Thomann’sche Buchhandlung, Landshut 1847. S. 1–6.
  7. Gelehrte Anzeigen. Herausgegeben von Mitgliedern der königl. bayr. Akademie der Wissenschaften. Bd. 25. (Jul.–Dez.). k. Central-Schulbuchdruckerey, München 1847. S. 717–718.
  8. Karl Schmotz: Die Erforschung der Frühgeschichte Künzings von den Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. In: Deggendorfer Geschichtsblätter. Heft 7, 1986. S. 165.
  9. Ursula Koch: Die Grabfunde der Merowingerzeit aus dem Donautal um Regensburg. Walter de Gruyter. Berlin 1968. S. 237.
  10. Thomas Fischer, Erika Riedmeier Fischer: Der römische Limes in Bayern. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 179–180.
  11. ND occ. XXXV, 10.
  12. Eva Bayer-Niemeier: Das römische Kastell In: Museum Quintana - Archäologie in Künzing. Führer durch alle Abteilungen 2004.
  13. Peter Connolly: Die Römische Armee. Hamburg 1975, S. 39.
  14. Max Spindler: Handbuch der bayerischen Geschichte. Band I: Das alte Bayern des Stammesherzogtums bis zum Ausgang des 12. Jh. C. H. Beck, 1981.
  15. Dietwulf Baatz: Römerstraßen im Ries. In: Führer zu den vorgeschichtlichen Denkmälern 41. Band 2. Nördlingen, Bopfingen, Oettingen, Harburg. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1979. S. 264.
  16. Robert Roeren: Zur Archäologie und Geschichte Südwestdeutschlands im 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz. 7. Jahrgang. Verlag Rudolf Habelt, Bonn 1960. S. 217.
  17. Thomas Fischer, Michael Altjohann: Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2001. ISBN 380621591X. S. 132.
  18. Hans-Jörg Kellner: Die römische Ansiedlung bei Pöcking (Niederbayern) und ihr Ende. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 25, 1960, S. 132–164.
  19. CIL 13, 6562 (Abbildung).
  20. 20,0 20,1 Thomas Fischer, Erika Riedmeier Fischer: Der römische Limes in Bayern. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 180.
  21. Fritz-Rudolf Herrmann: Der Eisenhortfund aus dem Kastell Künzing In: Saalburg-Jahrbuch 26, 1969, S. 129–141.
  22. Rainer Christlein, 1982, S. 240.
  23. AE 2004, 1065.
  24. Karlheinz Dietz In: Ostbairische Grenzmarken. Passauer Jahrbuch für Geschichte, Kunst und Volkskunde. Band 46, Verlag des Vereins für Ostbairische Heimatforschung, 2004, S. 14–15.
  25. Amphitheater Künzing bei 48° 40′ 11″ N, 13° 4′ 49″ O7
  26. Das archäologische Jahr in Bayern 2003, Umschlagseite, S. 5, Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2004, ISBN 3-8062-1899-4
  27. Vera Romeu: Römermuseum Ennetach. Nicht leicht, das Gladiatorenleben... In: Schwäbische Zeitung vom 8. April 2009; K. Schmotz, Erste Arbeitsergebnisse zum Amphitheater in Künzing In: Vorträge des 23. Niederbayer. Archäologentages]] 2005