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Das Kol Nidre (aram.: כל נדרי, dt.: alle Gelübde) ist ein jüdisches Gebet, das vor dem Abendgebet von Jom Kippur gesprochen wird.
Die ältesten Vertonungen des Kol Nidre lassen sich nicht genau datieren, reichen aber sicher bis in das frühe Mittelalter zurück und haben vermutlich auffallende Ähnlichkeiten mit der frühchristlichen Gregorianik.
Ein historischer Text belegt, dass bereits Yehudai ben Nahman (von 757 bis ca. 761 n. Chr. Leiter der jüdischen Akademie in Sura) das Singen eines Widerrufs aller persönlichen Gelübde, ohne dies allerdings explizit als Kol Nidre zu bezeichnen, durch einen Chasan einführte. [1]Natronai bar Hillail (Gaon von Sura von 853 bis 858) benannte dies Gebet dann explizit als Kol Nidre, und ließ es an Rosh Hashanah oder Yom Kippur vortragen. [2]Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: Datei fehltAnfang des Kol Nidre in einer um 1865 entstandenen Version für Klavier bzw. Klavier und Violine von Louis Lewandowski[3]Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: Datei fehltDer Schauspieler Warner Oland "singt" im Film The Jazz Singer aus dem Jahr 1927 als Kantor Rabinowitz das Kol Nidre. Die Tonspur wurde in Wirklichkeit allerdings von Yoselle Rosenblatt gesungen
Das Kol Nidre erscheint in Deutschland erstmalig zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert. Fehler beim Erstellen des Vorschaubildes: Datei fehltSephardische Version des Kol Nidre nach Abraham Zevi Idelsohn [4] Es existierten verschiedene Melodieversionen, die von jedem Kantor zusätzlich unter Verwendung reichhaltiger Melismatik individuell abgewandelt wurden. Im 11. Jahrhundert wurde das Kol Nidre bei der Rezitation drei mal, zu Beginn leise und in tiefer Tonlage und bei jeder Wiederholung mit ansteigender Lautsärke, vorgetragen. Von Jakob ben Moses haLevi Molin wird berichtet, dass er das Kol Nidre stundenlang bis in die Nacht zu vielen verschiedenen Melodien d.h. improvisierend sang. Rabbi Mordecai ben Avraham Yoffe (c. 1530-1612) aus Prag erwähnte als erster, dass es eine traditionelle Melodie gäbe, welche die Kantoren seiner Zeit verwandten. [5]
Im 16. Jahrhundert war die Melodie des Kol Nidre im aschkhenasischen Bereich dann Allgemeingut und so eng an den Text gebunden, dass eine Änderung kaum noch möglich war. [6]
Melodien im sephardischen Raum
Während die Melodien der ashkenasischen Juden relativ einheitlich sind, existieren im sepharidischen Judentum andere Melodien mit größeren Unterschiede zwischen den verschiedenen Melodien. Die Versionen im sephardischen Raum reichen dabei von recht einfachen Melodien im Irak, über eher geflüsterte Gesänge ohne eine eigentliche Melodie z.B. in der Provence zu ausgefeilten Melodien im spanisch-portugiesischen Gebiet. [7]
18. und 19. Jahrhundert
Die älteste schriftlich fixierte Version des Kol Nidre stammt von Kantor Aaron Beer, der im Jahr 1765 eine Melodie für das Kol Nidre notoerte, und den Ursprung seiner Version auf 1720 datierte. Beers Version ist der heutigen Version sehr ähnlich, wirkt allerdings noch etwas verzierter und weist auch einige rhythmische Unterschiede auf.
Ab dem 19. Jahrhundert dominierten dann die Versionen jüdischer Musiker wie Salomon Sulzers und besonders Louis Lewandowskys mit seiner Sammlung Kol Rinnah U´T'fillah aus dem Jahr 1871 [8] in den meisten Gemeinden. Das Kol Nidre findet sich in Sammlungen vieler Kantoren, wie z.B. Abraham Baer, [9]Hirsch Weintraub, [10]Federigo Consolo, [11] Emil Breslaur, [12] oder Moritz Deutsch. Außerdem existieren viele Bearbeitungen für verschiedenste Streicherbesetzungen, Klavier und Orgel. [13] So verfasste Hirsch Weintraub z.B. die Fassung Kol Nidre - Andante für Piano mit Begleitung der Violine ad libitum. Es wurde auch üblich zur Melodie des Kol Nidre andere Texte zu singen. So schreibt der deutsch-jüdische Pianist und Komponist Emil Breslaur im Jahr 1898 u.a.:
"In neuerer Zeit legte man dem "Kol nidre" einen deutschen Text unter und übertrug, wie bei der "Abodah", die Koloraturen der Orgel. In einigen Synagogen, auch im Tempel der Reformgemeinde, singt man das "Kol nidre" nach den Worten des Psalms 130: "Aus der Tiefe rufe ich zu dir"."[14]
Melodik und Harmonik
Aufgrund seines hohen Alters, seiner von Varianten und Verzierungen abgesehen das gesamte (aschkhanasische) Judentum übergreifenden melodischen Grundgestalt und seiner festen Bindung an genaue liturgische Anlässe wird das Kol Nidre zur Gattung der Mi-Sinai niggunim gezählt. [15]
Das Kol Nidre besteht vermutlich aus mehreren verschiedenen musikalischen Motiven/Themen, die auf verschiedenen Quellen basieren. [16] Auffallend ist der tetrachordale Charakter, der auch für christliche Musik des frühen Mittelalters typisch ist. Das Anfangsmotiv des Kol Nidre entspricht dabei dem, was man in der Gregorianik als Pneuma (πνεῦμα) bezeichnet hat. [17] Anhand eines Vergleichs der Anfänge der Versionen von Aaron Beer und Louis Lewandowski erkennt man leicht wesentliche, gemeinsame musikalische Merkmale der Melodie: Ein Quartabstieg (hier vom a zum e) unter Verwendung des Halbtonschrittes (hier a - gis), und ein anschließender Aufstieg zur Sexte (hier e - a) und von dort weiter zur Oktave. Funktionstheoretisch werden die Molltonika (hier a-Moll) und Dominante (hier E-Dur bzw. E7) verwandt. Nach einigen Takten mit kürzeren Notenwerten wird ab Takt 6 bzw. 13 mit den zentralen Tönen (hier a - d - f) in aufsteigender Form die Subdominante (hier d-Moll) verwandt. Es bestehen aber auch Unterschiede: So modulieren die älteren Versionen im weiteren Verlauf zu 6. Stufe in Dur, der Subdominantparalele (hier F-Dur), während neuere Versionen zum Parallelklang in Dur (hier C-Dur) wechseln.
20. Jahrhundert
In Russland und Deutschland wurden 1899 die frühesten Audioaufnahmen des Kol Nidre gemacht. [18] Im Zuge des sogenannten "Golden Age of Hazzanut" zwischen den Weltkriegen in den USA wurde das Kol Nidre sehr populär, und viele Kantoren führten es auf Tourneen in Synagogen und auch Konzerthallen auf. Es wurde auch viel auf Schallplatte eingespielt. [19] Einer der ersten, der es in den USA einspielte, war der Kantor Gershon Sirota[20] Berühmt wurde die Einspielung von Yossele Rosenblatt. Das Kol Nidre ist auch in dem Spielfilm The Jazz Singer aus dem Jahr 1927 zu hören. [21] In der Neufassung des Films aus dem Jahr 1980 singt Neil Diamond den Titel. [22] Andere bekannte Kantoren welche das Stück einspielten waren u.a. Zawel Kwartin, Moishe Oysher, Moshe Ganchoff, Leibele Waldman oder Moshe Koussevitzky. Auch nichtjüdische Künstler wie z.B. Perry Como oder Johnny Mathis spielten das Stück ein.
Bearbeitungen in der Kunstmusik
Das Kol Nidre hat etliche jüdische und nichtjüdische Komponisten zu Vertonungen angeregt. Am populärsten wurde die Vertonung Kol Nidrei - Adagio nach hebräischen Melodien für Violoncello und Orchester des deutschen Komponisten Max Bruch. In Bruchs Werk entstammt nur das erste Thema der traditionellen aschkhenasischen Melodie des Kol Nidre. Abraham Zevi Idelsohn sah das Stück, obwohl er es als ein exzellentes und virtuoses Werk der deutschen und europäischen Musiktradition ausdrücklich lobte, nicht als Musik welche die religiösen und emotionalen Gefühle und das soziale Millieu, aus dem es entstanden ist, angemessen wiederspiegeln könne. [23]
Arnold Schönberg komponierte im Jahr 1938 auf Anregung des Rabbiners Jakob Sonderling aus Los Angeles das Werk Kol nidre für Sprecher (Rabbi), gemischten Chor und Orchester (g-Moll) op. 39. [24] Es ist das erste Werk tonale Werk Schönbergs nach vielen atonalen Kompositionen.
1996 entstand das StreichquartettKol Nidre des jüdisch-amerikanischen Komponisten John Zorn. In der Komposition sind allerdings kaum Elemente der traditionellen aschkhenasischen Melodie des Kol Nidre erkennbar. Es wird eher die Stimmung des Versöhnungstages vermittelt. Das Milken Archive of Jewish Music schreibt dazu u.a.:
"Es handelt sich weder um ein Darstellung noch ein Arrangement der berühmten Erkennungsmelodie von Jom Kippur. Vielmehr ist es eine kluge, phantasievolle und respektvolle Erforschung kaum erkennbarer Motive der traditionellen aschkhenasischen Melodie. Eine ganz eigene Komposition, die Zorn Fähigkeiten als klassischer Komponist zeigt, und traditionelles Material nur als Ausgangspunkt zur Erinnerung an diese wichtigen Tage im jüdischen Kalender verwendet."[25]
Der siebte Titel von David Ezra Okonsars Klavierwerk Rhapsodies Hébraïques aus dem Jahr 2014 heißt Kal Nidrei. [26] Die traditionelle aschkhenasische Melodie des Kol Nidre ist hier deutlich erkennbar, wird zu Anfang in langsamem Tempo vorgestellt und später virtuos, im Stil Franz Liszts weitergeführt.
↑Eric Werner: The Interdependence of Liturgy and Music in Synagogue and Church during the first Millenium, Columbia University Press, New York, 1959, S. 309
↑Dan Ben-Amos und Dov Noy: Folktales of the Jews, Volume 2 - Tales from Eastern Europe, The Jewish Publication Society, 2007, S. 178
↑Anm: Die Fassung des Kol Nidre in Lewandowski Kol Rinnah u-T'fillah aus dem Jahr 1871 (Titel Nr. 107 auf Seite 79 und 80 in der 2. Auflage von 1882) ist einstimmig und steht im Gegensatz zu dieser Klavierfassung in a-Moll in f-Moll.
↑Abraham Zevi Idelsohn: Hebräisch-Orientalischer Melodienschatz, Band IV / Gesänge der orientalischen Sefardim, Verlag Harz, Berlin, 1923, Seite 210
↑In der 2. Auflage des Kol Rinnah U´T'fillah von 1882 der Titel Nr. 107 auf Seite 79 und 80
↑Abraham Baer: Ba'al Tefillah oder Der practische Vorbeter, Verlag Kauffmann, 3. Aufl., Frankfurt a. M., 1894, Nr. 1301, 1302a, 1302b auf Seite 294 ff.
↑Hirsch Weintraub: Schire beth Adonai oder Tempelgesänge für den Gottesdienst der Israeliten, Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1859
↑Federigo Consolo: Libro dei canti d'Israele - Antichi canti liturgici del rito degli Ebrei Spagnoli, Florenz, 1891, Nr. 346 auf Seite 155
↑Emil Breslaur: Sind originale Synagogen- und Volks-Melodien bei den Juden geschichtlich nachweisbar?, Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1898, S. 31 ff.
↑Emil Breslaur: Sind originale Synagogen- und Volks-Melodien bei den Juden geschichtlich nachweisbar?, Breitkopf & Härtel, Leipzig, 1898, S. 34
↑Encyclopaedia Judaica, Band XIV / (Mel-Nas), 2. Aufl., Keter Publishing House Ltd., 2007, S. 363 und 364
↑Charles Heller: The Traditional Jewish Sorces of Schoenberg`s Kol Nidre Op. 39; in Journal of Synagogue Music, Vol. XXIV, Nr. 1, Mai 1995, S. 42 und 43
↑Im Original: "And it is neither a setting nor an arrangement of that famous Yom Kippur signature melody. Rather, it is a clever, imaginative, and perfectly respectful exploration of barely recognizable snippets (confined for the most part to as few as two pitches continually transposed, extended, and developed) of only three of the constituent motives and phrases of the traditional and exclusive kol nidre melody in the Ashkenazi rite. An entirely original composition that illustrates Zorn’s classical capabilities, it relies on traditional source material only as a departure point, evoking the mood of supreme awe and somber introspection that governs the holiest of days on the Jewish calendar, the Day of Atonement." (Milken Archive of Jewish Music)