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Antideutsche

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Als Antideutsche werden Anhänger einer linksextremistischen Strömung verstanden, die sich nach eigener Überzeugung gegen „deutschen Nationalismus“ richten. Beliebte Parolen der Antideutschen sind Rufe „Nie wieder Deutschland!“[1] und „Bomber Harris, do it again“. Sie sind nach der Wiedervereinigung 1990 aus der Antifa-Szene hervorgegangen und unterscheiden durch ihre pro-westliche Orientierung im Sinne der US-Außenpolitik, der NATO und der EU von der klassischen Linken.

Geschichte

In den 70er Jahren hatten die zionistischen Publizisten Henryk M. Broder, Dan Diner, Wolfgang Pohrt und Eike Geisel die Kritik am Antizionismus in die politische Linke hinein getragen und damit zur späteren Entstehung der Antideutschen beigetragen.[2][3][4] Allerdings hatten sie sich damals noch nicht als eigene Strömung herauskristallisiert.

In der Wendezeit (1989 - 1990) geriet die deutsche Linke in eine tiefe Sinnkrise, da mit dem Untergang der DDR und der Wiedervereinigung die deutsche Teilung überwunden wurde und das deutsche Nationagefühl vorrübergehend wiedererstarkte. Für viele Linke stellte dies einen schweren Schlag da, da sie zuvor die deutsche Teilung als gerechte Strafe gegen die Deutschen für den Holocaust betrachtet hatten. Für die deutsche Linke spielte von nun an der Kampf gegen eine Wiederkehr des deutschen Nationalbewusstseins eine noch bedeutendere Rolle, als er zuvor schon gespielt hatte.

Als 1991 der Golfkrieg ausbrach, stand die deutsche Linke vor einer Zerreißprobe. Der traditionelle Teil der Linken (die "Antiimperialisten"), bei dem antiamerikanische, antizionistische, antikapitalistische und pazifistische Positionen überwogen, lehnte den Krieg ab. Der Teil der Linken, bei dem jedoch die Schuldgefühle gegenüber den Juden wegen dem Holocaust überwogen, befürwortete den Krieg und solidarisierte sich mit den US-geführten Koalitionsstreitkräften, weil der irakische Präsident Saddam Hussein Raketen auf Israel hatte abschießen lassen. Aus Letzteren gingen die "Antideutschen" hervor. Die Golfkriegsbefürwortung dieses Teils der Linken ging sogar so weit, dass Pohrt in der linksextremen Szene-Zeitschrift konkret (3/91) dafür plädierte, dass Israel irakische Giftgasangriffe gegebenenfalls mit der Atombombe beantworten solle.[5]

Den Militäreinsatz gegen Serbien im Frühling 1999 lehnten die Antideutschen, wie die Antiimperialisten, mehrheitlich ab und beurteilten die gegen die serbische Soldateska getroffenen Maßnahmen als Wiederholung deutscher Aggression gegen Jugoslawien.[6] Sie begründeten dies, indem sie wahrheitswidrige Behauptungen aufstellten, nach denen Deutschland schuld an diesem Krieg gewesen sei und die NATO in diesen Krieg gezwungen habe. Deswegen forderten die Antideutschen eine „bedingungslose“ Solidarität mit dem Regime von Kriegsverbrecher Slobodan Milošević.

2003 kam es wegen des Irakkrieges jedoch erneut zur Spaltung zwischen Antideutschen und Antiimperialisten, da die Antideutschen diesen befürworteten und sich hinter den "Krieg gegen den Terror" der Bush-Regierung stellten. In dieser Zeit besetzten die Antideutschen auch ein weiteres Betätigungsfeld: Den Kampf gegen Verschwörungstheorien. Da in dieser Zeit viele Verschwörungstheorien bezüglich der offiziellen Darstellung der Anschläge am 11. September 2001 und dem Irakkrieg in Umlauf waren, wurden diese von den Antideutschen als zu bekämpfende Gefahr betrachtet, weil sie der Kriegspolitik der US-Regierung die Legitimationsgrundlage absprachen. Auch heute noch ist der Kampf gegen Verschwörungstheorien und die Verteidigung offizieller Berichterstattungsversionen der Westmächte ein wichtiges Betätigungsfeld der Antideutschen.

Gegenwärtig ist die Spaltung von Antideutschen und Antiimperialisten wieder weitgehend zurückgegangen, da die Antideutschen mittlerweile zum dominanten Teil der deutschen Linken geworden sind. Die Antiimperialisten werden von Antideutschen mittlerweile auch als "neurechts" bezeichnet und ihnen die Zugehörigkeit zur politischen Linken abgesprochen, was bei der antideutschen Ablehnung der Mahnwachen für den Frieden erkennbar ist. Diese werden nämlich von antiimperialistischen, traditionellen Linken betrieben, die sich im Zuge des Krieges in der Ukraine seit 2014 mit der russischen Seite solidarisieren, während die antideutschen Linken sich auf der Seite von NATO und EU positionieren.

Ideologie

Die antideutsche Ideologie basiert auf der Vorstellung, dass die deutsche Geschichte eine große Negativgeschichte sei, die sich durch besonders ausgeprägte Kriegslust, Eroberungsbereitschaft und Brutalität auszeichne. Nach antideutscher Vorstellung handle es sich bei den Deutschen um ein "militaristisches" und "kriegsgeiles" Volk, dass immer wieder Kriege angefangen habe, um die Welt zu erobern. Deutschland sei einen "Sonderweg" gegangen und die beiden Weltkriege stellen laut antideutscher Sicht zwei besonders verheerende Versuche der Deutschen dar, mit denen sie die Welt zu erobern versucht hätten. Bezüglich des Zweiten Weltkrieges gehen Antideutsche davon aus, dass die von deutscher Seite begangenen Verbrechen "einzigartig" seien, die nicht mit den Verbrechen anderer Nationen oder den an Deutschen verübten Verbrechen verglichen werden dürfen, weil dies eine "Relativierung" sei. Antideutsche erachten auch das deutsche Volk in seiner Gesamtheit für den Nationalsozialismus als kollektiv schuldig. Deshalb haben die Deutschen laut den Antideutschen eine "besondere historische Verantwortung". Jeder noch so kleine Anflug eines wiedererstarkenden deutschen Patriotismus müsse daher energisch bekämpft werden. Die Antideutschen greifen hierbei auf deutschfeindliche Klischeebilder aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück, die besonders im angloamerikanischen Raum verbreitet waren.

Weitere Betätigungsfelder der Antideutschen sind eine bedingungslose Solidarität mit Israel und dem Zionismus, sowie die Bekämpfung des Antisemitismus oder dessen, was von ihnen als solcher eingestuft wird (aus Solidarität mit den einstigen Opfern der Deutschen). Antideutsche vertreten hierbei einen sehr weit gedehnten Antisemitismus-Begriff, bei dem auch Kritik an einflussreichen Banken wie der US-Notenbank (FED) und Goldmann-Sachs als Struktureller Antisemitismus oder Sekundärer Antisemitismus gilt. Kritik an der Hochfinanz wird auch als sogenannter „regressiver Antikapitalismus“ bezeichnet und bekämpft. Allgemein gilt die Vorstellung, dass es in der Politik der Westlichen Welt mächtige Akteure wie die Bilderberger gibt, die eigene Interessen verfolgen und an den Menschen vorbeiregieren, als „antisemitisch", auch wenn damit keine Juden gemeint sind, weil sie derartige „Denkmuster“ aufweise. Darum werden „Verschwörungstheorien“ von den Antideutschen entschieden bekämpft.

Des Weiteren befürworten Antideutsche Kriegseinsätze der westlichen Welt (insbesondere der USA) gegen nicht-westliche Staaten, weil ihnen zufolge diesen dadurch "Freiheit" und "Demokratie" gebracht werden, so wie es mit Deutschland einst der Fall gewesen sei. Sie sind der Ansicht, dass Deutschland heute "wegen seiner Vergangenheit" an der Seite der "Guten" (Westliche Welt) Krieg führen solle, um dabei mitzuhelfen, nicht-westliche Staaten zu "befreien". Antideutsche widersprechen sich oft, wenn sie einerseits behaupten, dass die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges "einzigartig" gewesen seien und nicht verglichen werden dürften, sie andererseits aber Politiker wie Assad und Putin mit Hitler vergleichen, um für einen Krieg gegen diese zu werben.

Antideutsche befürworten (obwohl als Linke) oft den Kapitalismus, vor allem dann, wenn er durch neoliberale Privatisierungen deutsches Volkseigentum an ausländische Kapitalanleger preisgibt und durch ein hartes Gegeneinander das Wiederentstehen einer deutschen Volksgemeinschaft verhindert. Einige Antideutsche werfen Privatisierungsgegnern "völkisches" Denken vor.

Statt an wirtschaftlichen Marxismus, sind Antideutsche an der Durchsetzung von kulturellem Marxismus interessiert. Sie orientieren sich hierbei an der "Kritischen Theorie" der neomarxistischen Frankfurter Schule, die einen wesentlichen Anteil an der Umerziehung der Deutschen in der Nachkriegszeit und an der 68er-Revolte hatte. Deren Ideologie hatte der Historiker und Publizist Golo Mann als "Marxismus für feine Leute" bezeichnet. Anders als der klassische Marxismus, will die Frankfurter Schule keine wirtschaftliche Revolution der Arbeiterklasse, sondern eine kulturelle Revolution der intellektuellen Schichten, um damit konservative und traditionelle Wertevorstellungen beseitigen zu können. Dazu zählen beispielsweise das Gender Mainstreaming, die Frühsexualisierung von Kindern und die Verteidigung der Rechte von Kinderschändern. "Demokratie" wird von Kulturmarxisten nicht als Wahl- sondern als ein ihrer Ideologie entsprechendes Wertesystem gesehen. Darum gilt nach ihnen das Anliegen einer "fortschrittlichen", intellektuellen Minderheit (wie Gender-Mainstreaming) als wichtiger, als die Meinung der "rückständigen" Masse. Antideutsche und Vertreter der Kulturmarxisten sind daher Gegner von direkter Demokratie, weil derartige Anliegen durch diese schwerer oder gar nicht durchsetzbar sind. Wer gegen das Gender-Mainstreaming ist oder sich für direkte Demokratie ausspricht, ist für Antideutsche und Kulturmarxisten deshalb ein "Antidemokrat", "Nazi", "Faschist", "Rechtsextremist", "Populist" usw.

Antideutsche unterscheiden sich mit ihren Ansichten bezüglich Kriegspolitik (neokonservativ), Wirtschaftspolitik (neoliberal) und Gesellschaftspolitik (neomarxistisch) von der traditionellen Linken. Sie sind eigentlich auch keine "Extremisten", da sie im Grunde nur die Positionen des bundesdeutschen Establishments vertreten - dies jedoch in überspitzter Form. Der Begriff "Antideutsche" wird von manchen Vertretern dieses Spektrums als Fremdzuschreibung aufgefasst. Viele Antideutsche bezeichnen sich selbst lieber als "Undogmatische Linke".

Die Antideutschen sind innerhalb der linken Szene umstritten. Für einige Linke sind sie aufgrund ihrer Ideologie keine Linken. Ein Hauptargument der Antideutschen gegen ihre Gegner innerhalb des linken Spektrums ist, dass sich diese auf die Zustände in Deutschland konzentrieren sollen, statt die USA zu kritisieren. Dies stehe nämlich nur Amerikanern zu. Deutsche sollen dagegen nur Kritik an ihrem Land üben dürfen. Damit soll jegliche Kritik an der Weltpolitik der USA unterbunden werden. Die Antideutschen widersprechen sich hier jedoch, wenn sie einerseits behaupten, Deutsche dürften nur Deutschland kritisieren und somit "national" denken, andererseits aber wiederum global denken, wenn sie beispielsweise einen Krieg gegen den Iran oder Syrien fordern.

Vertreter

Als eine der wichtigsten Presseorgane der antideutschen Bewegung gilt die Wochenzeitung Jungle World.[7][8][9] Bei dem Medium besteht eine Nähe zum Linksextremismus und sie wird vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz beobachtet.[10] Zur Zeit des Bundestagswahlkampfes 2002 veröffentlichte der Gegen-Rechts-Autor Anton Maegerle (SPD-Mitglied) einen Artikel in der Jungle World, in welchem er den Kanzlerkandidaten der CDU, Edmund Stoiber, in die Nähe des "Rechtsextremismus" rückte.[11]

Weitere, bekannte Medien des antideutschen Spektrums, sind das von dem ARD-Tagesschau-Journalisten Patrick Gensing betriebene Blog Publikative.org und das von dem Die-Welt-Journalisten Stefan Laurin[12] betriebene Blog Ruhrbarone. Eigentümerin von Publikative.org ist die Amadeu Antonio Stiftung.

Antideutsche Medien

Einzelnachweise und Bemerkungen

  1. DW-World.de: Strange Bedfellows: Radical Leftists for Bush
  2. Jörg Später: »Kein Frieden um Israel«. Zur Rezeptionsgeschichte des Nahostkonfliktes durch die deutsche Linke. In: BUKO-Ratschlag Israel, Palästina und die deutsche Linke. 26.–28.03.2004. Reader. S. 23 (PDF; 412 KB)
  3. Benjamin Weinthal: Letter from Berlin: The anti-anti-Zionists. In: Haaretz. 8. Juli 2007.
  4. Bernard Schmid: Angekommen im historisch geläuterten Vaterland: «Antideutsch» begründet, für aktive Bundeswehr. In: trend onlinezeitung. 09/06.
  5. Klaus Bittermann: Der intellektuelle Unruhestifter. In: Wolfgang Pohrt: Gewalt und Politik. Berlin 2010, S. 435 f.
  6. Patrick Hagen: Die Antideutschen und die Debatte über Israel 2004, 3.4. Der Kosovo-Krieg – antinational vs. antideutsch
  7. "Verfassungsschutz Brandenburg - Ministerium des Innern des Landes Brandenburg: Verfassungsschutzbericht 2005"
  8. "Bundeszentrale für politische Bildung: DossierLinksextremismus - "Antiimperialistische" und "antideutsche" Strömungen im deutschen Linksextremismus"; ebd. Abschnitt: "Die "antideutsche" Strömung im Linksextremismus"; (abgerufen am 12. August 2010)
  9. "welt.de - Axel Springer AG: Rückzug der Juso-Chefin - Franziska Drohsel, die radikale Gefühlssozialistin " (abgerufen am 15. August 2010)
  10. FAZ: Klimaskeptiker. Die letzten Fortschrittsgläubigen (11. Dezember 2009); ebd. Abschnitt "Linkswende nach rechts", 3. Absatz
  11. Anton Maegerle: Kamerad Stoiber, in Jungle World
  12. Julius Jamal: Ruhrbarone machen Stimmung für Krieg und Gewalt diefreiheitsliebe.de, 27. August 2013.

Andere Lexika