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Hauptstammlinien des europäischen Judentums

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Vermutete genetische Stammlinien des Judentums

Als Hauptstammlinien des europäischen Judentums gelten traditionell die Sephardim und die Aschkenasim. Diese Bezeichnungen wurden im Zuge der weltweiten Migration des Judentums auch international verwendet, haben heutzutage jedoch nur noch eine geringe Bedeutung, beispielsweise bei den religiösen Traditionen.

Die Pflege der jüdischen Stammlinie soll - wie bei Adelsgeschlechtern - die Bedeutung der Familie betonen.

Hintergrund

Die rabbinische Tradition unterteilte das Judentum in Sephardim und Aschkenasim. Beide Bezeichnungen sind in Europa entstanden und kennzeichneten über Jahrhunderte auch verschiedene Kulturkreise innerhalb des Judentums. Ein Kennzeichen des historischen Judentums war, dass über die jüdische Namenskodierung der Zusammenhang innerhalb Stammlinie hergestellt und so für die Nachkommen verständlich gemacht wurde. Ein Beispiel findet sich in der Bibel: Demnach muss der Messias dem Stamm Juda angehören (1. Buch Mose 49, 10) und ein direkter männlicher Nachkomme (Sohn nach Sohn) von König David (1. Chronik 17, 11; Psalm 89, 29-38; Jeremia 33, 17; 2. Samuel 7, 12-16) und König Salomon sein (1. Chronik 22, 10; 2. Chronik 7, 18).

Sephardim

Die etymologische Bedeutung Sepharad (Sephardi) bezieht sich im Alten Testament auf Spanien. Ab dem 10. Jahrhundert v. Chr. ist Handel phönizischer Seefahrer mit den südspanischen Küstenregionen nachweisbar. Spätestens ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten die Phönizier Kolonien, die als Basen für den Handel dienten; später folgten Griechen, vor allem aus dem späteren Marseille. Nach dem Ersten Punischen Krieg gegen Rom eroberten die Karthager ab 237 v. Chr. den Süden und Osten. Cartagena war ihr wichtigster Stützpunkt. Nach der Niederlage im Zweiten Punischen Krieg mussten die Karthager die Halbinsel 206/205 v. Chr. räumen. Der Widerstand gegen die Besetzung durch Rom dauerte im Süden von 197 bis 179 v. Chr. Nach dem Sieg des Tiberius Gracchus d. Ä. brach der Aufstand zusammen, 179 kam es zu einem Vertrag mit den Lusonern. Die ersten sicheren Dokumente von jüdischen Siedlungen auf spanischem Boden gibt es aus der Römerzeit. Schon vor der Belagerung von Jerusalem (70 n. Chr.) durch Titus leben Juden nicht nur in Palästina sondern im ganzen Mittelmeerraum. Eine verstärkte Ansiedlung von Juden in Spanien setzte mit den gescheiterten Aufständen der Juden gegen die römische Herrschaft, dem Jüdischen Krieg 66 bis 74 n. Chr. und dem Bar-Kochba-Aufstand 132 bis 135 n. Chr., ein.

Aschkenasim

Die Bezeichnung Aschkenas wurde in der mittelalterlichen rabbinischen Literatur für Deutschland verwendet. Nach Berichten der Bibel (Gen 10,1-3 EU)[1] war Aschkenas ein Sohn von Gomer und Enkel des Japhet. Insofern verstehen sich die Aschkenasim als Nachfahren von Noah. Des weiteren kann sich der Begriff Aschkenas auf eine jüdische Stammlinie beziehen, die aus Aschkelon stammt und deren Nachkommen nach Europa eingewandert ist.[2]

Einwanderung über Italien oder Frankreich

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Einwanderungsgebiete von Juden in das Rheintal

Die Geschichtsforschung nimmt an, dass die aschkenasischen Juden von Italien über die Alpen bzw. über das Rhonetal in germanische Siedlungsgebiete eingewandert sind. Wann die Einwanderung von Juden ins Rheinland erfolgt ist, erschließt sich bisher nicht eindeutig aus den Quellen.[3]

Ein Hinweis auf eine jüdische Einwanderung über römische Gebiete ist, dass etliche jüdische Beinamen einen Bezug zu römischen Städten haben. Diese Beinamen mit der Endung -um, wie z. B. Mestockum, Carnuntum, Carolum, Patritum, Georgum, Alfredum, Ludovicum, Antonium, Bertrantum, Eduardum, etc. können einen Bezug zu römischen Gründungen am Limes haben.[4] Nachgewiesen sind in Trier und Köln die ersten Gemeindegründungen ab dem 4. Jahrhundert.[5] Dieses zeigt auch die Rekonstruktion des Stammbaumes der jüdischen Familie Lindauer vom Stamm Manasse . Der Ur-Ahne der Lindauers lebte in Laurentum bei Ostia, dem Überseehafen von Rom.[6] Belegt ist auch, dass Moses ben Calmonicus um 800 von Italien ins Rheinland eingewandert ist.[7]

Der erste namentlich bekannte Jude auf dem Boden des heutigen Deutschland war Isaac Judaeus, der 797 mit einer Gesandtschaft Karls des Großen nach Bagdad an den Hof des Kalifen Harun al-Raschid geschickt wurde.[8]

Des weiteren lehrte einer der wichtigsten Rabbiner des Mittelalters Rabbi Raschi (geboren 1040 in Troyes/Champagne, gestorben am 5. August 1105) in Mainz und Worms. Rt behauptete, dass er Zeugnisse in mündlicher Überlieferung habe, wonach der Stamm Benjamin von Palästina über Rom ins Rheinland eingewandert sei.[9] Er berichtet aber nicht davon, woher der Name Aschkenas abgeleitet wurde.

Interessant ist dieses Aussage von Rabbi Raschi, weil zum letzten Mal vom Stamm Benjamin im Buch der Richter (Ri 19-21), nach der Landnahme (Buch Josua) bis kurz vor Beginn der Königszeit unter Saul (ca. 1050 v. Chr.), berichtet wird. Der Stamm Benjamin soll gegen die anderen Stämme von Israel um die Stadt Gibea gekämpft haben. Dabei soll der Stamm Benjamin vernichtend geschlagen worden sein.[10][11]

Gegen die These, wonach aschkenasische Juden hauptsächlich über Frankreich und Italien eingewandert sind, spricht die Tatsachse, dass im Gegensatz zu den Juden im Norden und im Süden Frankreichs die Juden im Rheintal einen anderen jüdischen Ritus betrieben. Zudem bezeichneten sich die französischen Juden in der Champagne als „zarefadisch“ und die Juden in der Provence als „provenzalisch“. Dagegen bezeichneten sich die Juden im Rheintal als aschkenasisch.[12]

Einwanderung über die Donau

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Das Römische Reich um 117 n. Chr.

Es gibt eine Hypothese, die einen Zusammenhang mit den Askaniern, einem Deutschen Adelsgeschlecht, sieht. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass die aschkenasische Stammlinie über die Region Armenien und/oder Adscharien (heute eine autonome Republik in Georgien) nach Zentraleuropa eingewandert ist. Diese Hypothese wird mit der Ähnlichkeit der Begriffe Aschkenas mit Askanier und der latinisierten Form Ascharia, sowie mit Adscharien, und dem Geschlecht der Arsakiden in Armenien und dem Kaukasus in Verbindung gebracht.

Chasaren, Krimtschaken und Karäer

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Chasarenreich

Die These, dass die aschkenasischen Juden Nachfahren der Chasaren sind, wird in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert.[13] Als Hinweis auf diese These gilt, dass Aschkenasim nach eigenen Aussagen Nachfahren von Juden aus mittel-, nord- und osteuropäischen Ländern sind. Aschkenasische Juden sind auch aus Osteuropa nach Deutschland eingewandert. Neben den Chasaren können die Krimtschaken oder die Karäer Vorfahren der aschkenasischen Juden sein.

  • Die Krimtschaken sind eine auf der Krim (Ukraine) ansässige turksprachige Minderheit jüdischen Glaubens. Sie gehören der talmudischen Richtung des Judentums an.
  • Karäer: Einige vermuten als ethnischen Ursprung Teile des jüdischen Volkes, die nicht nach Palästina zurückgekehrt seien, nachdem sie um 720 v. Chr. aus dem Nordreich von den Assyrern verschleppt worden waren, oder nachdem das Babylonische Exil des Südreichs um 540 v. Chr. endete. Als Vorfahren der heutigen Karäer werden meist die Krim-Karäer vermutet, eine Volksgruppe, die im frühen Mittelalter (8.–10. Jahrhundert) in den Gebieten des Schwarzen und des Mittelmeeres siedelte. Diskutiert wird auch, ob sie Nachfahren oder lediglich Zeitgenossen der Chasaren (7.–11. Jahrhundert) sind, welche zu den Turkvölkern zählen. Jehuda ha-Levi erwähnt in seinem Buch Sefer haKuzari unter anderem folgendes: Die Tatsache, dass der damalige Oberbefehlshaber der chasarischen Armee, Bulan Bek, zu einer Art „nicht-normativem“ Judentum konvertierte und dass im Chasarenreich eine der ältesten Karäerschulen der „Tiflissim“ aktiv war, verweisen darauf, dass der Chasarenfürst selbst, seine Gefolgschaft und später auch der Kagan (Herrscher) zum jüdischen Karäertum konvertierten. Außerdem berichtet der Chasarenkönig Joseph in seiner Korrespondenz mit Chasdai ibn Schaprut, dass das sogenannte „normative“ Judentum erst vom Khan Obadiah, d. h. nach gut 200 Jahren eingeführt worden war.

Gegen diese These spricht, dass die Chasaren sich erst ab dem 8. bis frühen 9. Jahrhundert zur jüdischen Religion bekannten. Außerdem wird mehrfach bezweifelt, dass Mitglieder eines nomadischen und später halbnomadisches Turkvolks aus Zentralasien die Vorfahren der aschkenasischen Juden sind.

Ursprünge

Analyse des Erbguts von aschkenasische Juden

Analysen des Erbguts von aschkenasische Juden deuteten drauf hin, dass die Vorfahren der aschkenasische Juden im Nordosten der Türkei lebten. Für eine Studie nahmen Forscher das Erbgut von 367 aschkenasischen Juden. Rund die Hälfte der Teilnehmer stammte von rein jiddisch sprechenden Vorfahren ab, die andere nicht. Im Genom dieser Teilnehmer verglichen die Forscher DNA-Sequenzen, die für bestimmte Populationen typisch sind. Das Ergebnis war eine gemeinsame Abstammung der jiddisch sprechenden Aschkenasim aus der Region der nordöstlichen Türkei.[14]

Zudem behaupteten Forscher der University of Sheffield, den Ursprung des Jiddischen entdeckt zu haben. Nach Aussage der Forscher war das Jiddische eine mittlere östliche Sprache. Der Grund ist, dass die jiddische Grammatik verwandt mit der slawischen sowie iranischen Grammatik ist.

Bei der Annahme, dass die aschkenasische Stammlinie über die Donau und sephardische Juden über die Champagne und über die Alpen ins Rheinland eingewandert sind, lassen sich die verschiedenen Theorien zur Herkunft der rheinländischen Juden gut in Einklang bringen. Aufgrund der Zuflüsse der Maas zum Rhein überschnitten sich zwangsläufig die sephardischen und aschkenasischen Traditionen. Zudem ist bekannt, dass junge sephardische Gelehrte ostwärts wanderten, um in den bedeutenden Lehrhäusern von Mainz und Worms zu studieren. Einer dieser Gelehrten war auch Rabbi Raschi, der in Mainz und Worms ab 1055 lehrte.[15]

Hingegen ist die Theorie, dass die aschkenasische Stammlinie auf die Chasaren zurückgeht, in Frage gestellt worden. Es gibt allerdings verschiedene Hinweise, die aschkenasische Stammlinie könne aus dem geografischen Raum von Armenien oder dem Kaukasus hergleitet werden.

Entwicklung

Bei den deutschsprachigen Juden wurde die Unterscheidung im 19. und 20. Jahrhundert besonders betont. Zeitweise wurden die Sephardim als „Westjuden“ und die Aschkenasim als „Ostjuden“ bezeichnet. Dass Deutschland die Region der Überschneidung der sephardischen und aschkenasischen Gruppen war, zeigt sich auch in den unterschiedlichen religiösen Traditionen. Ein Beispiel ist der jüdische Friedhof in Hamburg-Altona, da hier Aschkenasim und Sepharden auf einem Friedhof ruhen. Im aschkenasischen Teil des Friedhofs sind die Grabsteine stehend aufgestellt und tragen hebräische Inschriften, während im sephardischen Teil Grabplatten in den Boden eingelassen wurden, die oft portugiesische Inschriften tragen und reich mit Reliefs geschmückt sind.

Während vor dem Zweiten Weltkrieg das liberale Judentum in Deutschland stark vertreten war, finden sich heutzutage eher orthodoxe Vertreter, die teilweise von jüdischen Zuwanderern aus Osteuropa unterstützt werden. Der Holocaust stellt einen tiefen Einschnitt in der jüdischen Geschichte dar, so dass dadurch die Unterscheidung in Sephardim und Aschkenasim oft ihre Bedeutung verloren hat, zumal sich die Gruppe seit Gründung des Staates Israel vermischt haben. Allerdings spielen die unterschiedlichen religiösen Traditionen in den jüdischen Gemeinden weltweit noch eine Rolle.

Bereits vor der offiziellen Staatsgründung Israels 1948 ist eine neue Generation von Juden entstanden: die Sabres, die in Palästina geborenen Juden.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, © 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart
  2. Jerusalem am Rhein[1] dokujidd, Youtube, abgerufen am 10. Juni 2017
  3. Jehoshua Bieler - Wurzel aschkenasischer Juden[2] Morasha Berlin, Youtube, abgerufen am 09. Juni 2017
  4. Genealogisches Handbuch zur Dekodierung von jüdischen Namen, sowie die Bedeutung der Rekonstruierung der jüdischen Stammeslinien für die Wissenschaft[3], ISBN: 9783745055856, III. Auflage
  5. Leben und Wirken Raschi, Juden in deer Champagne und am Rhein (1105-2005)[4] abgerufen am 08. Juni 2017
  6. Meine jüdischen Vorfahren[5] Dipl.-Ing. Robert Brockmann, www.kryptojuden.weebly.com, abgerufen am 08. Juni 2017
  7. Jerusalem am Rhein[6] dokujidd, Youtube, 01:22, abgerufen am 10. Juni 2017
  8. Jerusalem am Rhein[7], Ursula Reuter, Seite 9, Herausgegeber: Gesellschaft zur Förderung eines Hauses und Museums der jüdischen Kultur in NRW e.V., Heft 3, 2013
  9. Jehoshua Bieler - Wurzel aschkenasischer Juden[8] Morasha Berlin, Youtube, abgerufen am 09. Juni 2017
  10. Gibean[9] www.bibelwissenschaft.de, abgerufen am 09. Juni 2017
  11. Der Stamm Benjamin beinahe ausgerottet[10] www.biblegateway.com, abgerufen am 09. Juni 2017
  12. Leben und Wirken Raschi, Juden in deer Champagne und am Rhein (1105-2005)[11] abgerufen am 08. Juni 2017
  13. Das Chasaren-Märchen, Der Historiker Shaul Stampfer widerlegt eine populäre Legende[12] Jüdische Allgemeine, Ulrich Sahm, 03.07.2014
  14. Localizing Ashkenazic Jews to Primeval Villages in the Ancient Iranian Lands of Ashkenaz[13] Ranajit Das, Paul Wexler, Mehdi Pirooznia, Eran Elhaik, Genome Biol Evol (2016) 8 (4): 1132-1149. DOI: https://doi.org/10.1093/gbe/evw046, Published: 03 March 2016
  15. Leben und Wirken Raschi, Juden in deer Champagne und am Rhein (1105-2005)[14] abgerufen am 08. Juni 2017